Neue archäologische Funde nahe dem Beinhaus von Sedletz (Sedlec) bei Kuttenberg (Kutná Hora) belegen, dass die Pest Böhmen im 14. Jahrhundert stärker traf als bislang angenommen.

Der Schwarze Tod, eine Form der Pest, die Europa zwischen 1346 und 1353 heimsuchte und mehrere Millionen Menschen das Leben kostete, zählt zu den verheerendsten Seuchen der Menschheitsgeschichte. Eine bedeutende archäologische Fundstelle für ihre Erforschung ist das Beinhaus der Allerheiligenkiche in Sedletz, einem Vorort von Kuttenberg. Die Knochen von zehntausenden Menschen, die in der sogenannten „Knochenkirche“ lagern, verraten viel über die Verbreitung der Pest in Böhmen. Das Land war stärker von der Pest betroffen als angenommen, wie neue Forschungsergebnisse schließen lassen.

Massengräber an der Knochenkirche entdeckt

Die Allerheiligenkirche steht inmitten eines Friedhofs; das Beinhaus von Sedletz befindet sich im Untergeschoss der Kirche. Die 1380 errichtete Kapelle ist vor allem für die Tausenden menschlichen Knochen bekannt, die der Holzschnitzer František Rint im Jahr 1870 im Auftrag des Fürsten von Schwarzenberg zu kunstvollen Arrangements aufschichten ließ – heute eine vielbesuchte Touristenattraktion.

Im Umfeld der Kapelle wurden zwischen 2016 und 2020 insgesamt 32 Massengräber mit über 1800 Skeletten freigelegt. Im Gegensatz zu kriegsbedingten Massengräbern, in denen überwiegend junge Männer zu finden sind, zeigen die Funde in Sedletz eine natürliche Bevölkerungsstruktur: Männer, Frauen und Kinder sind gleichermaßen vertreten. Dieses Muster gilt als typisch für eine sogenannte Mortalitätskrise, die sowohl durch Hunger als auch durch Seuchen ausgelöst werden kann und alle Altersgruppen betrifft.

Vermutlich stammen die Toten aus der Hungersnot von 1318 sowie aus der Pestepidemie von 1348. Da es nur wenige schriftliche Quellen zur Pest in Böhmen gibt, ging man lange davon aus, dass die Region vergleichsweise wenig von der Pest betroffen war. Die neuen Befunde stellen diese Annahme jedoch infrage.

Knochen und Zähne erzählen Geschichten 

Auf den ersten Blick lassen sich Pest- und Hungertote nur schwer unterscheiden. In beiden Fällen fehlen häufig Grabbeigaben, und die Toten wurden oft ähnlich wie in Einzelgräbern bestattet. Auffällig ist jedoch, dass einige Verstorbene Münzen oder persönliche Gegenstände bei sich trugen. Dies deutet darauf hin, dass die Leichen möglicherweise nicht untersucht wurden – aus Angst vor Ansteckung, wie jetzt vermutet wird. 

Zur genaueren Untersuchung der Gräber kombinierten die Forscher verschiedene Methoden. Neben archäologischen und historischen Analysen spielte die Radiokarbondatierung eine zentrale Rolle. Dabei wurden Proben von Knochen und Zähnen von insgesamt 95 Personen untersucht. Zähne geben Aufschluss über die frühen Lebensjahre eines Menschen, während Knochen eher den Zeitraum kurz vor dem Tod widerspiegeln. Dadurch lassen sich genauere Aussagen über den Todeszeitpunkt treffen. 

Zusätzlich kam die sogenannte Bayessche Modellierung zum Einsatz: Dabei wurden 172 Datierungen von 86 Personen statistisch ausgewertet. Mithilfe eines Computermodells berechneten die Forscher die Wahrscheinlichkeit, ob eine Person an der Hungersnot oder an der Pest gestorben ist.

Beinhaus von Sedlec, in der Nähe von Kuttenberg, in der Tschechischen Republik
Beinhaus von Sedletz in der Nähe von Kuttenberg in der Tschechischen Republik. Credit: Dsch67/wikimedia

Pest hinterlässt tiefere Spuren als gedacht 

Die Ergebnisse zeigen: Etwa 66 bis 69 Prozent der untersuchten Personen lassen sich der Pest zuordnen, während nur rund 17 bis 20 Prozent an den Folgen der Hungersnot starben. In etwa zwei Dritteln der Fälle stimmten die Ergebnisse des Bayesschen Modells mit den archäologischen Einschätzungen überein.

Gleichzeitig wird deutlich, dass die Unterscheidung zwischen Hungersnot und Seuche schwierig bleibt. Einige Massengräber enthalten vermutlich Opfer beider Ereignisse, und nicht alle Befunde sind eindeutig. Dennoch schließen die neuen Erkenntnisse eine wichtige Lücke in den historischen Quellen. Die Fundstelle in Kuttenberg gehört somit zu den bedeutendsten archäologischen Untersuchungsorten Europas für mittelalterliche Katastrophen. 

Um die neuen Erkenntisse zur Ausbreitung der Pest endgültig zu bestätigen, sind weitere Untersuchungen notwendig, insbesondere DNA-Analysen, mit denen das für die Ausbreitung der Pest verantwortliche Bakterium Yersinia pestis direkt nachgewiesen werden soll.

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