Gebaut mit dem Ziel, ein tschechisches Hollywood zu kreieren, sollten die Barrandov-Terrassen ein Zeichen der Moderne der Ersten Republik sein. Seit über 60 Jahren liegen große Teile des Areals im Süden Prags nun brach. Landesblogger Yannis Weber hat sich den Ort genauer angeschaut.
Es ist ein zyklischer Rhythmus der Geschichte: Mit großem Stolz, architektonischem Ehrgeiz und dem Versprechen auf Ewigkeit errichten Menschen Bauwerke. Ob prächtige Hotels, Industrieanlagen oder private Villen – jedes Gebäude ist Ausdruck einer Epoche, eines Traums oder einer Notwendigkeit. Doch jedes Bauwerk unterliegt dem Diktat der Zeit. Sobald der Nutzen vergeht und Gelder versiegen, fangen die Fassaden an zu bröckeln und die Natur verlangt ihr Territorium zurück. Was bleibt, sind Relikte vergangener Tage, die einen Einblick in eine andere Zeit geben. Einer dieser Orte sind die Barrandov-Terrassen im Süden des Prager Bezirks fünf.
Ein Hauch von Hollywood in Prag
Ich steige an der Haltestelle Hlubočepy aus. Laut Google Maps sind es etwa zehn Minuten zu Fuß. Vom Radweg entlang der Schnellstraße D4 geht ein kleiner Pfad ab. Umgeben von 50 Meter hohen, steilen Kalksteinwänden, liegt das Schwimmbad am unteren Ende der Barrandov-Terrassen. Unweit der Barrandov-Filmstudios sollte das Areal im Sinne des Funktionalismus einen Ausgleich zur täglichen Arbeit bieten. „Ich wollte in Prag etwas schaffen, das den Geist des modernen Amerikas atmet – eine Verbindung von Natur, Technik und Unterhaltung“, erklärt der Bauherr und Vater des späteren Präsidenten Václav Maria Havel in seinen Memoiren. Im Mittelpunkt des Projektes standen das vom tschechischen Architekten Max Urban entworfene französische Restaurant oben auf den Klippen und der 15 Meter hohe Aussichtsturm. Das vom Architekten Václav Kolátor entworfene Schwimmbad war zur damaligen Zeit das erste offizielle Wettkampfschwimmbad des Landes und bot auf der Tribüne Platz für 4000 Menschen. In den Jahren nach der Eröffnung 1930 bis zur Besetzung durch die Nationalsozialisten 1939 war das Areal sehr beliebt. An heißen Tagen besuchten teils mehrere tausend Menschen das Gelände, samt des Parks mit mehreren Sportplätzen.

Der Weg in den Ruin
Vom einstigen Vorzeigeort ist heute wenig zu erkennen. Überall liegen kaputte Glasflaschen, Bierdosen und Plastikmüll. An der Seite des Pfades am Eingang steht ein Zirkuswagen – aus dem Ofenrohr steigt Rauch auf. Vor Ort treffe ich Johann. Der tschechische Rentner kennt das Schwimmbad aus dem Film Der letzte Mohikaner (Poslední mohykán) aus dem Jahr 1947. In einer Schlüsselszene im Schwimmbad wird der Protagonist, ein alter Professor, mit der sich zunehmend verändernden Gesellschaft, visualisiert durch die Badekultur und Freizügigkeit, konfrontiert – der Professor selbst lehnt diese ab. Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des Films änderte sich das politische Klima in der Tschechoslowakei radikal. Das „kapitalistische“ Vergnügen auf den Barrandov-Terrassen wurde bald auch von der Politik kritisch beäugt. Wenige Monate später, in der Folge des kommunistischen Putschs 1948, wurden die Barrandov-Terrassen verstaatlicht.

In den kommenden Jahren sanken die Besucherzahlen stark. Zum einen wurde die Wasserqualität deutlich schlechter, da die Filteranlage das Wasser aus der Moldau nicht mehr ausreichend reinigte. Zudem wurde der Lärm, durch den Bau der Braník-Brücke sowie der Schnellstraße immer lauter und machte die entspannte Atmosphäre zunichte. Im Jahr 1955 wurde das Bad für die Öffentlichkeit gesperrt. Das Restaurant war noch bis 1994 geöffnet.
Fossile Fundgrube
Als ich im Becken stehe und Fotos vom Sprungturm mache, sehe ich, wie ein junger Mann, ungefähr in meinem Alter, ein paar Meter weiter oben auf den Felsen sitzt und suchend über den Boden schaut. Ich frage ihn, ob er etwas verloren hat. Er lacht – nein, er suche nach Tieren, besser gesagt nach versteinerten Überresten von Tieren – gefunden habe er aber noch nichts.

Vor 440 Millionen Jahren lag das heutige Gebiet um Prag noch in der Nähe des Äquators. Das Gebiet war von einem tropischen, flachen Meer bedeckt, samt Korallenriffen und Kalkalgenwiesen. Über die Jahre wurde der Boden des Meeres durch plattentektonische Verschiebungen nach oben gedrückt und senkrecht gestellt. Noch heute finden sich viele Überreste von Korallen sowie muschelähnliche Tiere in den Sedimenten. Auch in den Rezensionen auf Google sowie in Internetforen erzählen Nutzer von ihren Erinnerungen an die Fossilien, die sich auf dem Areal der Barrandov-Terrassen finden lassen: „Ich bin kräftig geschwommen und erinnere mich, wie wir alle dieses Becken gehasst haben – nie sonnig, das Wasser eiskalt. Aber die Trilobiten, Orthoceras und Seerosen darüber im Gestein waren faszinierend.“ Nicht ohne Grund ist der Stadtteil Barrandov nach dem französischen Paläontologen Joachim Barrande benannt. Der Forscher entdeckte im Laufe des 19. Jahrhunderts in dem Gebiet rund um Prag mehrere tausend fossile Überreste.
Privat ist privat
Unten vom Schwimmbad aus sehe ich die oben auf der Klippe thronenden Neubauten. Nach der Samtenen Revolution wurden die Barrandov-Terrassen in einer Restitution wieder an die Familie Havel zurückgegeben. Diese verkauften das Areal später an den Liebertzer Unternehmer Michalis Dzikos. Zwischen 2021 und 2024 wurde das Gelände des ehemaligen Restaurants umgebaut. Das ursprüngliche Gebäude wurde durch zwei Neubauten mit Privatwohnungen ergänzt.

Ich verlasse das Schwimmbad über einen kleinen Pfad, der zurück auf den Radweg zur Haltestelle führt. Ein paar Meter weiter, vorbei an einer alten Kapelle, sowie mehreren von Obdachlosen besetzten Gebäuden, geht eine Treppe nach oben auf den Hügel. Ein Mosaik am Wegesrand erinnert an die Gefallenen, die während der Befreiung Prags 1945 zu Tode kamen. Oben angekommen stehen auf dem Parkplatz des ehemaligen Restaurants ein Lamborghini, ein Rolls-Royce sowie mehrere Limousinen. Als mich der Sicherheitsbeamte sieht, schickt er mich weg – ein Foto vom Ausblick über die Moldau kann ich eh nicht mehr machen, alles ist eingezäunt oder von Gebäuden verdeckt. Auch der Aussichtsturm ist nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich. Ich mache mich auf den Weg zurück. Als ich zurück nach Hause komme, erzähle ich meinem Mitbewohner von dem Ausflug. Er kennt den Ort gut. „Vor ein paar Jahren haben wir dort auch Musikveranstaltungen gemacht, mittlerweile ist da glaube ich nichts mehr“, erklärt er mir. Die neuen Eigentümer sehen das wohl nicht mehr so gerne.

Liebe Leserinnen und Leser des LandesEcho, mein Name ist Yannis Weber. Seit Januar unterstütze ich im Rahmen meines Praktikums die Redaktion des LandesEcho. Während meines Studiums der Angewandten Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Ilmenau, nahe Erfurt, sowie an der St.-Kliment-Ohridski-Universität in Sofia, Bulgarien, konnte ich bereits erste Einblicke in die Medienarbeit gewinnen. Auf meinen Reisen haben mich stets die Vielfalt unterschiedlicher Kulturen sowie die gemeinsamen Geschichten, welche Menschen miteinander verbinden, fasziniert. Ich freue mich darauf in den kommenden Monaten, Prag sowie Tschechien besser kennenzulernen.
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