Auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne in Postelberg (Postoloprty) könnten weitere Opfer des Massakers an der deutschen Bevölkerung von 1945 begraben liegen. Neue Aussagen von Archäologen und Historikern erhärten den Verdacht. Während die Bauarbeiten auf dem Gelände weitergehen, wird auch über den künftigen Umgang mit dem historischen Ort diskutiert. Das LandesEcho hat bei der Grundstückseigentümerin, der Stadt und einer lokalen Initiative nachgefragt.

Mehr als 80 Jahre nach dem Massaker von Postelberg könnte ein Knochenfund neue Erkenntnisse über eines der schwersten Nachkriegsverbrechen in der Tschechoslowakei liefern. Die Anfang Oktober auf dem ehemaligen Kasernengelände entdeckten menschlichen Überreste stammen möglicherweise von einem der damals ermordeten deutschen Zivilisten. Darauf deuten nach Einschätzung der beteiligten Archäologen sowohl der Fundort als auch die Beschaffenheit der Überreste hin.

Wie aus einer Reportage des Tschechischen Fernsehens vom 19. Oktober hervorgeht, wurde bei den Bauarbeiten unter anderem ein Beinknochen zusammen mit einem Schuh entdeckt. Die Reportage stammt von dem Journalisten und Dokumentarfilmer David Vondráček, der sich bereits 2010 in seinem aufsehenerregenden Film Töten auf Tschechisch (tsch. Zabíjení po česku) mit den Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung nach Kriegsende auseinandergesetzt hatte. Im Mittelpunkt stand damals auch das Massaker von Postelberg.

Vojtěch Peksa vom Institut für Archäologische Denkmalpflege Nordwestböhmens erklärte in der Reportage, dass die Fundumstände auf ein Alter von höchstens 100 Jahren hindeuteten. Auch der historische Kontext spreche dafür, dass die Überreste mit den Ereignissen vom Frühjahr und Sommer 1945 zusammenhängen könnten.

Ein endgültiger Nachweis steht allerdings noch aus. Die Polizei untersucht weiterhin die genauen Umstände des Fundes. Den Fall hatte Anfang Oktober auch die Prager Oberstaatsanwaltschaft übernommen, ihn inzwischen aber an die nachgeordnete Instanz, die Bezirksstaatsanwaltschaft Aussig (Ústí nad Labem), abgegeben.

Der Fundort des Massengrabs nahe der Schule 1947 (links im Bild), rechts der aktuellen Fundort der Knochen.
Der Fundort des Massengrabs nahe der Schule 1947 (links im Bild), rechts der aktuelle Fundort der Knochen. Credit: Instagram/Nadační fond Postoloprty 1945

Ein bislang unentdecktes Massengrab?

Der Publizist Jiří Padevět, der sich seit Jahren mit den Nachkriegsverbrechen in der Tschechoslowakei beschäftigt, zeigte sich von dem Fund wenig überrascht. Für sein 2025 erschienenes Buch Postoloprty hatte er Luftaufnahmen aus dem Frühjahr 1945 und dem Ende der 1940er Jahre miteinander verglichen. Dabei entdeckte er Hinweise auf einen ehemaligen Splitterschutzgraben, der möglicherweise als Massengrab genutzt wurde.

Dieser Graben wurde bei den Untersuchungen von 1947 offenbar nicht geöffnet. Auch Archäologe Peksa hält es für denkbar, dass dort weitere Opfer verscharrt wurden. Damals seien auf dem Kasernengelände deutschsprachige Einwohner zusammengetrieben und ermordet worden. Der Graben sei zu diesem Zeitpunkt bereits vorhanden gewesen.

Im Mai und Juni 1945 hatten tschechoslowakische Soldaten und Angehörige der Revolutionsgarden Tausende Deutsche aus Postelberg, Saaz (Žatec) und den umliegenden Gemeinden festgenommen. Zahlreiche Menschen wurden ohne Gerichtsverfahren erschossen. Unter den Opfern befanden sich auch Jugendliche.

Eine parlamentarische Untersuchungskommission ließ 1947 mehrere Massengräber öffnen. Insgesamt wurden 763 Leichen exhumiert. Die tatsächliche Zahl der Ermordeten dürfte jedoch deutlich höher liegen. Padevět geht von 1000 bis 2000 Todesopfern aus. Bis heute ist unklar, ob sämtliche Gräber entdeckt wurden.

Angehörige warten seit Jahrzehnten auf Gewissheit

Die Reportage des Tschechischen Fernsehens lässt auch Angehörige der Opfer zu Wort kommen. Die Brüder Erich und Walter Urban erinnern sich darin an ihren Vater, der Anfang Juni 1945 wie zahlreiche andere deutsche Einwohner zur Kaserne gehen musste und nie zurückkehrte.

Erich Urban war damals acht Jahre alt. Sein Vater sei davon ausgegangen, dass ihm nichts geschehen könne, weil er kein Nationalsozialist gewesen sei und niemandem etwas angetan habe. Die Familie erfuhr nie, was mit ihm geschehen war.

Ob die jetzt gefundenen Überreste zu ihrem Vater gehören könnten, weiß auch Walter Urban nicht. Ausschließen möchte er es nicht. Die Erinnerungen an die damaligen Ereignisse beschäftigen ihn bis heute.

Erich und Walter Urban in Postelberg
Erich und Walter Urban (v.l.n.r.) in Postelberg Credit: Yannis Weber

Bauarbeiten unter archäologischer Aufsicht

Der Fund erfolgte auf einem Gelände, auf dem die Firma PÍSKY – J. Elsnic ein neues Wohnviertel errichtet. Der Stiftungsfonds Postoloprty 1945, der sich für die Aufarbeitung des Massakers einsetzt, fordert eine umfassende Untersuchung des ehemaligen Militärgrabens.

Der Fonds begrüße zwar, dass sich die Behörden mit dem Fund beschäftigten, erklärte sein Vertreter Vojtěch Michalák gegenüber dem LandesEcho. Allerdings habe die Organisation auf ihr Angebot, die Ermittler mit eigenen Erkenntnissen zu unterstützen, bislang keine Antwort erhalten. Michalák bedauert auch, dass der Fall von der Prager Oberstaatsanwaltschaft nach Aussig abgegeben wurde. „Die Freilegung eines möglichen Massengrabs betrachten wir als ein Thema von landesweiter Bedeutung, schon allein wegen der enormen Zahl der Opfer der Nachkriegsereignisse in Postelberg und Umgebung, die Historiker als das größte Massaker an Zivilisten in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Massaker im bosnischen Srebrenica bezeichnen“, so Michalák.

Besorgt zeigte sich Michalák auch über die fortgesetzten Bauarbeiten. Wenige Tage nach Bekanntwerden des Fundes seien in geringer Entfernung bereits wieder Betonarbeiten durchgeführt worden.

Grundstückseigentümerin Hana Elsnicová weist dagegen darauf hin, dass die Bauarbeiten archäologisch begleitet würden. In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber dem LandesEcho erklärte sie: „Wir unterstützen eine gründliche archäologische Untersuchung. Wir selbst haben den Archäologen vorgeschlagen, eine größere Fläche zu untersuchen, als die Bauarbeiten allein erfordern würden.“

Sämtliche Aushubarbeiten würden ausschließlich in Anwesenheit von Archäologen stattfinden. Sobald weitere Funde auftauchten, würden die Arbeiten eingestellt. Über das weitere Vorgehen entschieden die zuständigen Fachleute und Ermittlungsbehörden, mit denen das Unternehmen zusammenarbeite.

Auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne in Postelberg (Postoloprty) entsteht ein neues Wohnviertel.
Auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne in Postelberg (Postoloprty) entsteht ein neues Wohnviertel. Credit: ČTK / Hájek Ondřej

Frühere Pläne für ein Museum gescheitert

Die Zukunft des ehemaligen Kasernengeländes beschäftigt Postelberg schon seit vielen Jahren. Wie das Tschechische Fernsehen in seiner aktuellen Reportage in Erinnerung ruft, hatte Hana Elsnicová bereits 2010 angekündigt, das historische Gebäude künftig für soziale und kulturelle Zwecke nutzen zu wollen.

Damals war ein Seniorenheim geplant, in dem auch ein Museum über die Geschichte Postelbergs und die ruhmreichen wie unrühmlichen Kapitel der Vergangenheit des Kasernengebäudes untergebracht werden sollte.

Aus diesen Plänen wurde nichts. Das Kasernengebäude wurde 2016 abgerissen. Petr Elsnic, der Sohn der Grundstückseigentümerin und Vertreter des Bauunternehmens, erklärte gegenüber dem Tschechischen Fernsehen, dass die erforderlichen finanziellen Mittel für das ursprüngliche Vorhaben gefehlt hätten. Stattdessen entstehen auf dem Gelände inzwischen mehrere Wohnhäuser.

Wo soll künftig an die Opfer erinnert werden?

Der Stiftungsfonds Postoloprty 1945 fordert seit Längerem, auf dem ehemaligen Kasernengelände eine würdige Gedenkstätte zu errichten. Dort soll an die Opfer erinnert und die Geschichte des Massakers dokumentiert werden.

Michalák zufolge wandte sich der Fonds bereits im Sommer schriftlich an Hana Elsnicová und bat darum, einen Teil des Grundstücks für einen solchen Erinnerungsort zur Verfügung zu stellen. Elsnicová bestätigte gegenüber dem LandesEcho, dass sie die Anfrage erhalten, bislang aber nicht beantwortet habe. Sie stehe dem Vorschlag grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber, halte jedoch Gespräche zwischen der Stadt, den Grundstückseigentümern, Historikern und weiteren Beteiligten für notwendig. Über die konkrete Gestaltung und den Standort einer Gedenkstätte zu entscheiden, sei angesichts der laufenden Untersuchungen noch verfrüht.

Hana Elsnicová ist aber nicht nur die Grundstückseigentümerin, sondern gehört auch dem Postelberger Stadtrat an. „Da die Stadt Postelberg dem Gedenken an diese Ereignisse sehr ablehnend gegenübersteht und die Grundstückseigentümerin, Frau Elsnicová, sogar im Stadtrat sitzt, hat sie einen enormen Vorteil bei der Durchsetzung von Angelegenheiten, die ihr gelegen kommen“, meint Vojtěch Michalák vom Stiftungsfonds Postoloprty 1945.

Stadt Postelberg will gemeinsam mit Eigentümer für würdevolle Bestattung sorgen

Unterdessen hat Bürgermeister Zdeněk Pištora (parteilos) gegenüber dem LandesEcho einen eigenen Plan der Stadt angekündigt. Demnach soll im kleinen Park unmittelbar neben dem Friedhof ein Gedenkort entstehen. Konkrete Angaben zur Gestaltung oder zum Zeitpunkt der Umsetzung machte er nicht.

Pištora wies zugleich die Kritik des Stiftungsfonds an der bisherigen Erinnerungspolitik der Stadt zurück. Er verwies auf die bereits bestehende Gedenktafel auf dem Friedhof, die an die unschuldigen Opfer der Ereignisse vom Mai und Juni 1945 erinnert. Die Entscheidung über eine zusätzliche Gedenkstätte auf dem privaten Kasernengelände liege hingegen beim Eigentümer. „Sollte er sich dafür entscheiden, werden wir ihn mit einer Stellungnahme sicherlich unterstützen, aber wir werden niemandem vorschreiben, wie er mit seinem Eigentum umgehen soll“, erklärte Pištora. Zugleich zeigte er sich verwundert darüber, dass der tschechische Staat auf dem Gelände bislang keine Gedenkstätte errichtet habe, obwohl es sich jahrzehntelang in staatlichem Besitz befunden hatte. „Warum fragen Sie also nicht den Staat?“, entgegnete der Bürgermeister gegenüber dem LandesEcho.

Um die jetzt gefundenen menschlichen Überreste will sich die Stadt kümmern. Nach Abschluss der Untersuchungen werde sie gemeinsam mit dem Grundstückseigentümer für eine würdige Beisetzung sorgen, erklärte Pištora.

Ob der Knochenfund tatsächlich zu einem bislang unentdeckten Massengrab führt, müssen die weiteren Untersuchungen zeigen. Unabhängig davon hat er eine alte Frage wieder aufgeworfen: Wie soll an die Menschen erinnert werden, die 1945 in Postelberg ermordet wurden und welche Rolle soll dabei der historische Tatort selbst spielen?

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