Überraschend verkündete der bekannte Polit-Talkmaster Václav Moravec das Ende seiner Zeit beim öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen (ČT). Eine Nachfolge steht noch nicht fest.

Seit 2004 moderierte Václav Moravec jeden Sonntag die zweistündige politische Talksendung Otázky Václava Moravce (dt. Fragen von Václav Moravec) im öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen (ČT). Mit den Worten: „Unsere Sendezeit ist zum Ende gekommen und damit nach über 21 Jahren auch meine Zeit beim Tschechischen Fernsehen“, verkündete Moravec am Ende der Sendung am vorletzten Sonntag, den 8. März – überraschend für die Zuschauer und den Sender. Er begründete seinen Abschied damit, dass er den Zuschauern „unter den gegenwärtigen Umständen“ keine redaktionelle Unabhängigkeit mehr gewährleisten könne. Gemeint waren in diesem Zusammenhang die Vorgänge, unter denen es zur Einladung des SPD-Vorsitzenden Tomio Okamura in Moravec‘ Sendung kam. Der Moderator hatte sich lange geweigert, den Rechtsaußen-Politiker einzuladen, war von seinem Arbeitgeber dann jedoch dazu gedrängt worden.

Moravec kritisiert „Scheinausgewogenheit“

Einige Mitglieder des Fernsehrats hatten die Auswahl von Moravec‘ Gästen in der Vergangenheit wiederholt infrage gestellt. Insbesondere die Tatsache, dass der SPD-Vorsitzende und jetzige Abgeordnetenhaus-Vorsitzende Tomio Okamura seit neun Jahren nicht eingeladen worden war, stieß bei vielen der Mitglieder auf Unverständnis. Ende Januar erklärte ČT-Nachrichtenchef Michal Kubal im Podcast „Media Circus“: „Sollte ein einzelner Vorsitzender einer Parlamentsfraktion nicht zu einer Veranstaltung eingeladen werden, wäre das ein Ausdruck von Willkür.“ Um die Einladung durchzusetzen, entließ der Sender Ende Januar die langjährige Chefdramatikerin der Sendung, Hana Andělová, welche für die Einladung der Gäste verantwortlich war. Michal Kubal trat an ihre Stelle. Dieser lud Okamura trotz Václav Moravec‘ Einwänden in die Sendung ein.

Moravec hatte in der Vergangenheit eine Einladung Okamuras abgelehnt, da dieser den Rundfunk zerstören wolle, Halbwahrheiten und Desinformationen verbreite und Positionen vertrete, welche extremistisch sowie populistisch seien. Seiner Ansicht nach sollte es dem Rundfunkrat nicht um die Ausgewogenheit einer einzelnen Sendung, sondern um die Ausgewogenheit des Programms des Tschechischen Fernsehens insgesamt gehen – die aus seiner Sicht gegeben ist. Im Zusammenhang mit seiner Sendung spricht der Moderator daher von einer erzwungenen „Scheinausgewogenheit“, welche seiner Meinung nach den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zerstört.

Ein weiterer langjähriger Mitarbeiter verlässt ČT

Seit mehreren Jahren häufen sich im Tschechischen Fernsehen interne Konflikte. In den vergangenen Jahren wurden Produktionen wie das Satire- und Politmagazin 168 hodin abgesetzt, langjährige Mitarbeiter verließen den Sender oder wurden versetzt – darunter Jakub Železný, Nora Fridrichová, Barbora Kroužková, Václav Crhonek, und Martin Jonáš. Anfang Dezember verließ Renata Týmová, die Forschungs- und Programmanalysedirektorin, den Sender nach zehn Jahren, da sie eine „Verstaatlichung der öffentlich-rechtlichen Medien“ nicht unterstütze. Aktuell arbeitet die Regierung an einem Plan, die Gebühren für den öffentlichen-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen und diese in Zukunft aus dem Staatshaushalt über Steuern zu finanzieren. „Wir dürfen nicht jedes Jahr von Politikern abhängig sein, was die Höhe des Budgets angeht. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, wäre die Unabhängigkeit von ČT fundamental bedroht“, kritisiert Chefredakteur Michal Kubal die neue Gesetzesinitiative.

Moravec möchte noch nicht aufhören

Moravec sieht sein Ausscheiden als Teil eines größeren Ganzen. „Der öffentliche Dienst wird zunehmend ausgehöhlt“, erklärte er im Interview gegenüber dem Portal Seznam zprávy. Dabei kritisierte der Moderator eine „zunehmende Gefügigkeit“ des Fernsehrats gegenüber der Politik. Der Sprecher des Tschechischen Fernsehens (ČT), Michal Pleskot, erklärte gegenüber ČTK, die redaktionelle Unabhängigkeit sei beim Tschechischen Fernsehen gewährleistet.

Eine Nachfolge für die Sendezeit am Sonntag steht noch nicht fest. Am vergangenen Sonntag wurde vorerst die Sendung Debata ČT unter der Moderation von Lukáš Dolanský und Vanda Kofroňová als Übergangslösung gesendet. Die weitere Zukunft ist noch ungeklärt. Dem Nachrichtenportal Aktuálně.cz zufolge haben mehrere Personen das Angebot, die Sonntagsdiskussion zu moderieren, abgelehnt. Václav Moravec möchte sich noch nicht zur Ruhe setzen. Nach einem sechsmonatigen Wettbewerbsverbot plane er, weiter journalistisch zu arbeiten. Ob in Form eines Podcasts oder einer weiteren Sendung ließ er noch offen. 

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