In Tschechien sprießen die Lager- und Logistikhallen geradezu aus dem Boden. Die Bevölkerung hat allerdings kaum etwas davon.

Die Nachfrage nach Industrie- und Logistikhallen in Tschechien ist groß. Ende 2021 befanden sich Hallen in einer Gesamtfläche von rund einer Millionen Quadratmeter im Bau. Innerhalb eines Quartals verzeichnete die Anmietung von Hallen ein Plus von 37 Prozent. Vor allem der Online-Handel hat zu dieser Entwicklung beigetragen.

Billige Zentren mit guter Anbindung

Der Grund für diese Entwicklung liegt in einem Zusammenspiel aus der zentralen Lage, niedrigen Steuern, preiswerten Mieten und billiger Arbeitskraft. Tschechien liegt im Herzen Europas, doch vor allem die Nachbarschaft zu Deutschland macht es zu einem attraktiven Umschlagsort. Die meisten Lagerhallen werden an Autobahnen nahe der Grenze gebaut. So können die Firmen wichtige Warenumschlagsorte in unmittelbarer Nähe zu Deutschland errichten, ohne auf die dortigen Preise zurückgreifen zu müssen. Dies macht die Logistikzentren vor allem für Online-Händler attraktiv, wie zum Beispiel auch für Amazon.

Die Lage und die billigen Preise locken zahlreiche Großinvestoren an. Darunter zum Beispiel Zooplus, die Elektronikhändler Datart und Euronics sowie der Staplerhersteller Jungheinrich. Diese sorgten jüngst wieder für eine gesteigerte Nachfrage an Lagerhallen in Grenznähe. Der Bau von Logistikimmobilien hinkt der Nachfrage momentan allerdings hinterher. Es ist also zu erwarten, dass der Boom noch weiter anhält. Die Betreiber und Eigentümer der Hallen kündigten bereits an, die Lagerkapazitäten auszuweiten, um die große Nachfrage zu bedienen. Die Branche ist momentan also auf der Jagd nach neuen Standorten für weitere Immobilien.

Profite wandern ab

Ein Beispiel für den Boom in der Logistikbranche ist der Online-Händler Zooplus für Haustierbedarf. Dieser nutzt eine 60.000 Quadratmeter große Halle nahe der Grenze, um daraus Kunden in ganz Europa zu beliefern. Erbaut wurde die Lagerhalle bei Tachov von dem amerikanischen Logistikriesen GXO Logistics. An diesem Beispiel lassen sich allerdings auch die Schattenseiten des Booms in der Logistikbranche bereits erahnen.

Die involvierten Unternehmen sitzen alle im Ausland, die Gewinne kommen also nicht in Tschechien an. Wirtschaftlich profitiert die heimische Ökonomie also kaum davon. Dieses Problem betrifft momentan die gesamte tschechische Wirtschaft. Über vierzig Prozent der Wertschöpfung in Tschechien wird durch ausländische Unternehmen getätigt. Diese haben ihre Sitze meist in ihrem Heimatland. Die Profite fließen also aus der Tschechischen Republik ab, was zu einem substantiellen Problem für die eigene Wirtschaft wird. Die Recherchen der Investigativ-Journalistin Klára Votavová ergaben, dass sämtliche Hallen in der Region von Tachau (Tachov) im Besitz ausländischer Unternehmen sind.

Intransparente Arbeitsbedingungen

Doch die Abschöpfung von Profiten und die geringen Steuern sind nur eine Schattenseite, die der Boom in der Logistikbranche in Tschechien mit sich bringt. Die schlechten Arbeitsbedingungen in den Hallen werden zusätzlich zum Problem. Vor allem das intransparente Vorgehen der Unternehmen macht es schwer, dazu zu recherchieren. „Keines der Unternehmen ließ mich in ihre Hallen und die Menschen haben oft Angst, darüber zu sprechen“, berichtet Votavová. Es gibt Berichte von Verletzungen der Arbeitsrechte, doch besonders sticht die Überwachung der Arbeitskräfte hervor.

Die Journalistin arbeitete bereits intensiv zu den Arbeitsmethoden der Kette Amazon in Tschechien. Durch intensive Überwachung mittels Scanner und Algorithmen werden die Arbeiter unter ständiger Androhung einer Kündigung angetrieben, diese anhaltende schwere Lagerarbeit unter Hochdruck führt zu gesundheitlich Problemen. Zudem verdienen die Arbeiter bei weitem schlechter, als ihre Kollegen in Deutschland. Die meisten sind über Zeitarbeitsfirmen angestellt und befinden sich in einem äußerst instabilen Arbeitsverhältnis, was es schwerer macht, für bessere Arbeitsbedingungen einzustehen. Ein erster Schritt, um diese zu verbessern, wäre die bessere Anwendung und Durchsetzung der bestehenden Gesetze und Arbeitsrechte, so die Journalistin. Zudem müssten die Zeitarbeitsfirmen strenger reguliert werden.