Im Jahr 1899 erlebte die mährische Metropole Brünn (Brno) einen ganz besonderen Ersten Mai. Zum ersten Mal dürfen die Arbeiterinnen und Arbeiter der städtischen Textilfabriken einen Mai-Umzug organisieren. Zwei volle Monate werden sie streiken und eine überbordende Solidarität aus der Bevölkerung erleben. Hanna Zakhari, Leiterin des deutsch-tschechischen Begegnungszentrums in Brünn, hat den einstigen Ort des Geschehens aufgesucht.

Eines Tages nehme ich mir vor, einen Brünner Stadtteil, den die Brünner nicht ohne Grund die „Brünner Bronx“. nennen, aufzusuchen. Ich will versuchen, die Spur eines Geschehens, eines Gebäudes, dessen Geschichte vor über 100 Jahren begann, zu finden. Was ist wohl aus dem Haus und seinem Schicksal, dem genius loci geworden?

Der Brünner Stadtteil Obrowitz (Zábrdovice) war im 19. Jahrhundert ein Stadtteil der Textilfabriken, ihrer Fabrikherren, aber auch ihrer Arbeiter. Bereits auf der Hinfahrt kommt die Straßenbahn an dem verlassenen und verfallenen Palast der Textilbarone der Familie Soxhlet, später Teuber vorbei. In meinem Kopf beginnt das innere Kino zu laufen – es zeigt gerade das untere Stockwerk, da war die Garnfabrik mit hochmodernen, aus England importierten Maschinen, oben mindestens zehn Familienzimmer und Zimmerchen für Dienstboten ganz oben unterm Dach. Der Palast ist heute leer, menschenleer, von außen unansehnlich, bröckelnd wie viele andere.

Nach dem Aussteigen beginne ich mit der Suche nach einer bestimmten Straße. Diese heißt heute Spolková, früher Marx- und noch früher Jusagasse, nach einem der großen Brünner Textilunternehmer. Ich gehe weiter und weiter, nur - die Straße finde ich nicht. Nur das Kino im Kopf zeigt wieder Geschichte. Die Jugendstil-Häuser des 19. Jahrhunderts wechseln mit der funktionalistischen Bauweise ab, hier lebten einst Hunderte Textilarbeiter, heute vielleicht ganz normale Familien. Hier – das historische Portal, dahinter die modernisierte ehemalige Textilfachschule. Auf den Straßen niemand zu sehen, wie ausgestorben. Nur zwei Frauen, dunkelhäutig mit Kindern, diskutieren sicher etwas Wichtiges, keine Zeit für die Umgebung. Ich grüße, entschuldige mich für die Unterbrechung und frage nach. Freundlich antworten die beiden, hier gleich um die Ecke, es sind nur ein paar Schritte…  Danke.

Und dann bleibt mir die Spucke weg, der Mund offen und ich stehe mit weit aufgerissenen Augen und glotze. Gut, dass hier niemand zuschaut. Er würde den Krankenwagen holen. Das Kino im Kopf läuft an.

Der erste Maimarsch durch die Stadt

Wir schreiben den 1. Mai 1899. Arbeiter versammeln sich am Winterholler-Platz, heute Platz des 28. Oktober. Die Sozialdemokratische Partei ruft zur noch „neuen“ Feier des 1. Mai auf. Die Sozialdemokraten kennen keine Landes- und auch keine Nationalitätengrenzen, insgesamt etwa 10.000 Brünner, Tschechen und Deutsche treffen aufeinander, sie singen gemeinsam die Internationale. Für die tschechischen Arbeiter spricht Josef Hybeš, für die deutschen Dr. Ludwig Czech, ein junger Jurist und Chefredakteur des deutschsprachigen Parteiorgans „Volksfreund“. Die Redaktionen des „Volksfreund“ und der „Rovnost“, des Organs der tschechischen Sozialisten, arbeiteten damals noch gemeinsam. Sie konkurrieren nicht, sticheln nicht, im Gegenteil, sie ergänzen und koordinieren ihre Nachrichten und Berichte – klar doch. Proletarier aller Länder…

Hybeš und Czech informieren die Arbeiter, dass die Gewerkschaften vor zwei Wochen den Brünner Fabrikbesitzern eine Forderung nach einer täglichen Zehn-Stunden-Arbeitszeit vorgelegt haben. Ja, zehn Stunden, bisher offiziell zwölf Stunden, mit einer Bestimmung in den Betriebsordnungen, dass der Betriebsinhaber jederzeit noch längere Schichten anordnen kann, natürlich auch an Samstagen, versteht sich.

Kurz zuvor am Freitag, den 28. April, kam die Stellungnahme der Textilbarone zu diesem unerhörten Ansinnen. Die Arbeitgeber weigern sich, an einen Zehn-Stunden-Arbeitstag auch nur zu denken. Um genau zu sein: außer etwa fünf Fabrikherren, die die Forderung erfüllen. Die fünf scheinen etwas Erfahrung gehabt zu haben, einen guten Riecher, und wollten keine Zeit verlieren.

Nach der Ansprache stellen sich die Arbeiter auf und beginnen ihren Maimarsch. Es geht ordentlich und anständig zu. Erstmals darf der Mai-Umzug durch die Stadt, bisher streng verboten. Franz-Josefs-Gasse, Johannesgasse, Herrengasse, Dominikanerplatz, Bäckergasse, bis hin zum Schreibwald – da kommen sie um halb drei an. Andere Bürger warten schon da, sie sind mit dem Vorortzug angekommen. Um den Fluss herum an der Stelle des heutigen Ausstellungsgeländes wird mit Musik gefeiert, Auftritte von städtischen Gesangsvereinen, man singt auf Tschechisch und Deutsch, es gibt Erfrischungen und auch das Wetter spielt mit. Gegen 19 Uhr gehen die Feierlichkeiten langsam zu Ende, die Arbeiter brechen auf, denn um 20 Uhr findet im neuen Vereinshaus der Brünner Sozialdemokraten an der damaligen Jusa-Gasse noch ein Festabend statt.

Ausrufung des Generalstreiks

Das Gebäude mit einem großen Garten wurde erst drei Jahre zuvor als Kultur- und Gesellschaftszentrum der Sozialdemokraten errichtet – ausschließlich aus privaten Geldsammlungen der Arbeiterinnen und Arbeiter. Eine faszinierende Beschreibung des Gebäudes und seiner Geschichte präsentierte der tschechische Journalist Tomáš Havlín in der Zeitschrift Nový prostor „Dějiny jednoho domu“. Er schreibt: Das Arbeiterhaus wurde zum Zentrum der Arbeiterbewegung in Brünn. Neben dem Restaurant wurde in der hölzernen Gartenhalle auch Theater gespielt, Versammlungen abgehalten und das Haus bot auch Räumlichkeiten für Arbeitervereine und Übernachtungsmöglichkeiten für Gewerkschafter auf Reisen.

Die Erklärung der Fabrikherren wurde den etwa 6000 versammelten Arbeitern am frühen Abend des 1. Mai in eben diesem Vereinshaus übermittelt. Die Entscheidung über weitere Vorgehensweise sollte am 2. Mai um 6.30 Uhr erfolgen. Am Morgen des 2. Mai versammelten sich an die 10.000 Textil-Arbeiter im Vereinshaus zur Abstimmung über die weitere Vorgehensweise. Die Abstimmung fiel eindeutig aus: Wir streiken. Für unser Recht. Für ein lebenswerteres Leben.

Eine Stunde später brechen die Arbeiter zu den Fabriken auf. Auf dem Weg wählen sie Delegationen, die die Botschaft an die Fabrikvorderen und die Leitungen weiterzugeben haben. Eine weitere Stunde später wenden sich Vertreter des ersten der großen Brünner Textilunternehmen, der „Šmálka“, an die Öffentlichkeit. Das Unternehmen muss die Produktion einstweilig komplett einstellen. In kurzen Abständen, nach und nach geben insgesamt 58 Textilfabriken Ähnliches bekannt.

Der Generalstreik dauert zwei volle Monate. Seine Geschichte liest sich wie ein Krimi, in dessen Mittelpunkt die Persönlichkeiten der damaligen Brünner Sozialdemokratie, ihre Zeitungen und vor allem ein Gebäude – das Brünner Vereinshaushaus – stehen.

Das Elend der Arbeiter

Die „Rovnost“ und der „Volksfreund“ veröffentlichen eine ganzseitige Erklärung zu den Hintergründen des Streiks. Es ist der gleiche Text, einmal auf Deutsch, einmal auf Tschechisch. Die beiden Zeitungen informieren die Öffentlichkeit fortan laufend über den Stand des die ganze Stadt beeinträchtigenden Streiks.

Die Berichterstatter sind nicht faul, sie telegraphieren über den Verlauf des Streiks in die ganze Welt. Sie weisen darauf hin, dass die Arbeitszeit der Arbeiter nur durch ein menschenverachtendes Arbeitsregime aufrechterhalten werden kann. Dazu kommt noch die Dauer der täglichen Anreise aus den umliegenden Ortschaften.

Manche Arbeiter müssen bis zu drei Stunden am Tag laufen, viele andere müssen zwischen zwei und vier Uhr morgens aufstehen, um den Arbeiterzug nach Brünn zu Frühschicht zu erreichen. Aber auch in Brünn müssen sie ein Stück Weg laufen. Geld für die „Pferdebahn“ gibt es nicht. Und natürlich müssen sie den ganzen Weg auch wieder zurück. Es bleibt keine Zeit mehr, ein paar Stunden zu schlafen, irgendetwas anderes zu tun, was auch immer. Ganz zu schweigen von etwas Ruhe und Erholung.

Viele andere Arbeiter schlafen in Brünn, kommen am Montag an, fahren am Samstagabend ab. So jemand mietet zum Beispiel nur ein Bett für die Nacht, an ein ganzes Zimmer ist nicht zu denken. Ein Blick in die Volkszählungslisten jener Jahre besagt, dass manchmal bis zu zehn bis zwölf Personen in einem Raum registriert sind. Vielfach ist es noch schlimmer, aber davon nächstens.

Die nächste Tabelle, die die Zeitungen veröffentlichen, zeigt den Gesundheitszustand der Arbeiter. Drei Viertel der versicherten Arbeiter (Krankenversicherung wurde in Österreich 1883 eingeführt) leiden an der damals unheilbaren Tuberkulose, bis zu 60 Prozent der Todesfälle gehen auf die Krankheit zurück.

Die Löhne in der Brünner Textilindustrie sind mehr als miserabel. Die Zeitung spricht von einem Durchschnittslohn zwischen drei und vier Gulden pro Woche. Später errechnet ein Historiker, dass der nötigste Lebensunterhalt, der 200 Gramm Brot am Tag und einen Teelöffel Margarine, einen Viertelliter Milch, ein wenig Heizmaterial und einen Anteil an der Miete umfasst, etwa sieben Gulden pro Woche beträgt. Ein anderer Historiker, diesmal Schweizer, kommt zu dem Schluss, dass es beim Textilstreik in Brünn nicht um Arbeiter ging, sondern um Arbeiterinnen und Kinderarbeit. Natürlich kann man sowas mit Frauen machen. Wenn diese nicht wollen - immer mehr Arme stehen vor den Fabrikstoren und betteln um Arbeit und lausige Verdienste.

Und so schreibt einer dieser Journalisten, dass ein gesunder Kerl vom Lande im dreckigen Brünn nur zwei Wochen braucht, um gesundheitlich und seelisch zu verfallen. Fünfzehnjährige Mädchen sehen aus wie Erwachsene und zwanzigjährige wie alte Frauen.


 Teil 2: "Als in Brünn die Weber streikten: Ein langer Weg zum Kompromiss", lesen Sie nächsten Samstag hier auf www.landesecho.cz