Hanna Zakhari, Leiterin des Begegnungszentrums in Brünn, erinnert sich an eine Geschichte aus ihrer Familie, die beinahe wie ein Märchen klingt.

Es war einmal in Brünn (Brno) eine bildschöne junge Frau. Sie hieß Maria und war so arm wie eine Kirchenmaus. Sie war Tochter einer ledigen alleinerziehenden Mutter von sechs Kindern namens Antonie. Und bevor der geneigte Leser beginnt, über die Moral der Antonie nachzudenken, sollte er wissen, dass drei von den Kindern nicht die Eigenen waren. Eines war die Tochter der eigenen Schwester, die mit 23 Jahren an Tuberkulose starb, dem COVID des 19. Jahrhunderts. Ein weiteres das einer Freundin, der es ähnlich erging und ein drittes das Kleinkind eben dieser Tochter Maria. Die eigenen drei Kinder stammten aus einer Beziehung zu einem Offizier der k. u. k. Armee. Eine Heirat konnte damals nur unter Hinterlegung einer hohen Kaution stattfinden, Geld aber hatte weder der Offizier noch Antonie, also die Mutter der Schönheit. In einer Zeit, in der es keine Kranken-, Renten und sonstige Sozialleistungen gab, unterhielt Antonie ihre sechs Kinder durch Gemüseverkauf am Brünner Krautmarkt. Jeden Tag stand sie um drei Uhr morgens auf, eilte zum Brünner Bahnhof und zu den ersten Zügen. Dort kaufte sie den ankommenden Bäuerinnen aus Lösch (Líšeň), heute Stadtteil von Brünn (Brno), ihr Gemüse ab. Dieses brachte sie in einer Trage zum Krautmarkt und verkaufte es dort am eigenen Stand.

Und wie es in Märchen immer so ist, verliebte sich die schöne Maria eines Tages in einen jungen Mann aus einer reichen jüdischen Unternehmerfamilie. An Heirat war natürlich nicht zu denken. Und im vorletzten Jahrhundert auch nicht an, na ja Sie wissen schon, heute heißt es Geburtenregelung. So bekam das Paar ein Kind und nach einer Weile ein zweites. Der junge Vater legitimierte allerdings die Kinder durch eine entsprechende Verfügung unter Zeugen sofort nach deren Geburt. Maria lebte derweil bei ihrer Mutter mitsamt den Kindern. Als der junge Mann jedoch volljährig wurde, damals mit 24 Jahren, machte er ohne großes Hin und Her Tabula rasa. Er trat aus der jüdischen Gemeinde aus, ließ sich wohl taufen und heiratete seine Maria in der Kirche in Alt Brünn (Staré Brno). Seine Familie nahm nicht an der Trauung teil, honi soit qui mal y pense („Ein Schuft, wer Böses dabei denkt“).

Die Familie wurde mit der Zeit wohlhabend und hatte es wohl sogar zu einem eigenen Unternehmen gebracht. Doch nach einigen Jahren kam der Erste Weltkrieg, der Zerfall der Monarchie und die Gründung der Tschechoslowakei. Das Nationalbewusstsein führte zeitweise zu Zuständen, die wir heute als Mobbing im großen Stil bezeichnen würden. Es seien die Finanzgesetze gewesen, die die deutschen Unternehmer gegenüber den tschechischen steuerlich und auch sonst benachteiligten. Vielfach mussten sich erfolgreiche deutsche Unternehmer (zu denen sich auch die jüdischen zählten) von ihren Unternehmen trennen, da sie die finanziellen Auflagen nicht erfüllen konnten. So auch unser nicht mehr ganz junger Familienvater. Wieder folgte eine Tabula rasa, er verkaufte das Geschäft und seine schöne Brünner Villa und zog mit seiner Familie nach Wien. In Wien und in Innsbruck stieg er in das Geschäft seines Bruders ein. Die Familie habe eine hochherrschaftliche Wohnung an einem der vornehmsten Plätze mitten in Wien besessen und bei Besuchen mussten die Kinder der Verwandten aus dem kleinen Brünn den Tanten in Wien die Hand küssen, erzählte meine Mutter.

Es ging so lange gut, bis eines Tages dieser Dreckskerl mit dem Oberlippenbart kam – und wieder war im Nu alles anders. Den schon beinahe im Rentenalter stehenden Vater und seine Maria erwartete die dritte Tabula rasa ihres Lebens. Eines Tages erschienen sie vor dem nächsten Standesamt und schworen an Eidesstatt, dass der ehemals jüdische Vater NICHT der Vater der in der Zwischenzeit erwachsenen „Kinder“ sei. Die Brünner Schönheit Maria habe ihre Jugend ein wenig zu fröhlich verbracht und die Kinder seien demnach reine „Arier“. Damit retteten die beiden ihren Kindern das Leben.

Ehrlich gesagt, ich weiß vieles und vieles weiß ich nicht. Früher habe ich nie nachgefragt und heute gibt es niemanden mehr, den ich fragen könnte, nur die alten Kirchenbücher und ein paar Traueranzeigen unter alten Briefen. Die „Kinder“ der beiden lebten nach dem Krieg viele Jahre friedlich und bis ins hohe Alter in Wien. In der gleichen hochherrschaftlichen Wohnung am gleichen Platz. Man sieht das Gebäude aus der Straßenbahn.