Foto: Rübezahl – Sagen und Legenden um den Herrn des Riesengebirges. Verlag Carl Ueberreuter, Wien – Heidelberg. Auflage 1954.

In einem Städtlein nahe dem Riesengebirge war vor Weihnachten ein Jahrmarkt, und viel Volk strömte dorthin. Da wandelte Rübezahl die Lust an, wieder einmal den Händler zu spielen… 

Als nach zwei Tagen der Markt zu Ende war, erschien der Handelsmann wieder im Wirtshaus, klagte über heftige Schmerzen und stellte sich sterbenskrank, so dass der Wirt erschrocken Arzt und Priester holen ließ. Aber von beiden wollte der Kranke nichts wissen.

Bald darauf berief der Fremde die Wirtsleute an sein Lager, überreichte ihnen die Schlüssel zu seinem Kasten und befahl, den Inhalt genau zu verzeichnen. Sie erfüllten seinen Wunsch und fanden erstaunt Silber- und Goldmünzen in Mengen, die schönsten silbernen und goldenen Geräte, glänzendes Edelgestein und allerhand wertvolle seidene Waren.

Rübezahl merkte, dass den Wirtsleuten seine Sachen in die Augen stachen: Deshalb sagte er: „Ich fühle es wohl, dass ich diese Stube nicht mehr verlassen werde: Denn mein letztes Stündlein ist gekommen. Da ich nun keinen Menschen auf der Erde habe, weder Verwandte noch Freunde, die mein Hinscheiden betrauern oder sich um meine Habe kümmern würden, so ist mein einziger Kummer, ein würdiges Begräbnis zu finden.“

Der Wirt, der viel darum gegeben hätte, den Fremden zu beerben, dachte: „Das wäre ein gefundenes Fressen für mich, wenn du die Sachen dieses Handelsmannes in aller Stille erwischen könntest.“ Laut sagte er zu dem Kranken: „Wenn mir der Herr seinen Teil seiner Sachen vermacht, werde ich für ein schönes Begräbnis Sorge tragen.“ „Gut, gut“, ächzte Rübezahl, „nicht ein Teil, sondern alles soll Euch gehören, wenn Ihr mich anständig begraben lasst.“

Wer war froher als der Wirt und die Wirtin, als sie vernahmen, dass sie die Erben des stattlichen Nachlasses sein sollen! Beide versicherten dem Kranken, er könne ruhig sterben, sie würden es an nichts fehlen lassen. Als Rübezahl ihr Versprechen hatte, erklärte er: „Weil ich dies Gelöbnis von euch höre, will ich gern von hinnen scheiden.“ Darauf befahl er dem Wirt, die fünfzig Dukaten, die obenauf lägen, zu nehmen und davon sein Begräbnis zu bestellen.

Kaum hatte der Wirt den Kasten geschlossen, als der Kranke verfiel. Der Händler verschied – Totenstarre trat ein. Und der Wirt ließ ihn als seinen guten Freund aufs vornehmste begraben. Als man den Toten ins Grab senkte, erscholl auf einmal eine Stimme aus dem Sarg:

Ihr lasst  mich  nun hier schlafen
Und gehet eure Straßen:
Vielleicht werd´ich noch eher aufstehen
als die, die mit mir zu Grabe gehen.

Erschrocken liefen der Wirt und die anderen Trauergäste davon und meldeten der Obrigkeit das seltsame Geschehnis. Man ließ sofort den Sarg öffnen, fand aber nur Stroh und die alten Lumpen drinnen, und niemand konnte sich erklären, wie dies alles zugegangen ist. Der Wirt aber dachte, sei es wie auch immer, das Beste ruhe doch bei ihm daheim im Kasten, das goldene Erbe, das der Fremde hinterlassen habe. Aber als er, begierig vor Verlangen, mit seiner Gattin den Kasten aufschloss, fand er nichts darin als ein paar Knochen und ein Büschel Schweineborsten. Damit fand seine Freude ein jähes Ende und der alte Berggeist rächte sich für die Habgier der Menschen.

Rübezahl aber lebt noch heute, so sagen die Leute vom Riesengebirge. Und wenn er sich schon lange nicht mehr gezeigt hat, so geschah dies nur deshalb, weil ihm die bösen Menschen von heute so verärgert haben, dass er in sein unterirdisches Reich wieder zurückgekehrt ist.

Zusammengetragen von Irene Kunc

Der Winter ist da, die Abende werden immer länger und beim Kerzenschein in der Dämmerung ist genau die Zeit für schöne alte Sagen. Das alte Jahr neigt sich seinem Ende zu und auch das LandesEcho kommt in diesem Monat zum letzten Mal im Jahr 2023 aus. Wir haben das ganze Jahr unsere Rübezahl-Sagen gebracht, nun ist der Augenblick gekommen, dass wir uns von unserem großen Berggeist verabschieden und ihm alles Gute und Ruhe wünschen.

Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 12/2023

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