Was verbindet uns? Was trennt uns? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen reisten 26 Neugierige ins Reichensteiner Gebirges mit seinen deutschen, polnischen, griechischen, slowakischen, preußischen und österreichisch-ungarischen Einflüssen, seiner schlesischen und kommunistischen Vergangenheit.

 

„Achtung! Staatsgrenze!“ Was verbindet uns trotzdem? / Antikomplex
„Achtung! Staatsgrenze!“ Was verbindet uns trotzdem? / Antikomplex

Zum 14. Mal machten sich zehn Deutsche und 16 Tschechen zwischen eineinhalb und 80 Jahren mit Antikomplex und der Jungen Aktion der Ackermann Gemeinde Anfang August auf ihre jährliche Spurensuche, dieses mal im Reichensteiner Gebirge, einem Teil der Ostsudeten an der Grenze zwischen Tschechien und Polen. Die Spurensucher sollten dabei nicht nur möglichst unbeschadet die Berge hinauf und hinab kommen, sondern neben den atemberaubenden Ausblicken und der abwechslungsreichen Natur auch noch möglichst viel über die Entstehung und Veränderung der Landschaft im Laufe der Zeit lernen. Die Strecken sollten an interessante Orte und zu Menschen in der Region führen.

In Weißwasser (Bílá Voda) erzählt die Lehrerin Mirka, dass zur Zeit des Kommunismus über 900 Ordensschwestern aus 16 verschiedenen Orden in dem kleinen Ort interniert waren. Weißwasser war durch die geschlossene Grenze zu Polen nahezu vollkommen abgeschottet. Die Nonnen prägten von nun an das Stadtbild, unterrichteten die hiesigen Kinder und fanden in der Isolation zu einer neuen Art von Gemeinschaft.

In Weißbach (Bílý Potok) begegneten die Spurensucher zum ersten Mal „Alois Nebel“. Jeder Teilnehmer bekam ein paar Seiten aus dem Comicbuch von Jaroslav Rudiš, allerdings mit großen Textlücken. Inspiriert von dem Ort, wo die Graphic Novel tatsächlich spielt, schrieb jeder zunächst seine eigene Geschichte über Nebel und die Eisenbahn. Die Auflösung sollte dann am Abend folgen.

In Hahngrund (Kohout) dann steht noch ein Haus. Der letzte Dorfbewohner war einst nach Griechenland zurückgekehrt. Heute lebt auf seinem Hof ein Mann mit seiner Familie. Kaum jemand hatte bis dahin von den Griechen gehört, die während des dortigen Bürgerkrieges in die Tschechoslowakei gekommen waren. Zwischen Obstbäumen, Brombeer- und Himbeersträuchern sollten sie nun den Geist kennenlernen, den die ehemaligen Bewohner hier hinterlassen haben.

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In Jauernig (Javorník) trafen die Spurensucher eine ältere Deutsche aus dem örtlichen Altenheim. Nach etwas Verhandlungsgeschick mit einer der Betreuungspersonen, wurde sie extra in den Garten gebracht, wo sie von ihrem Leben als Deutsche in Jauernig erzählte. Sie sprach auch von der schwierigen Situation für sie und ihre Familie nach der Vertreibung. Helene Jungs Vater war zwar überzeugter Antifaschist und konnte aufgrund von tschechischen Zeugenaussagen in Jauernig bleiben, dennoch wurde die Familie nach dem Krieg schnell als Nazis gebrandmarkt.

Am Ortsrand von Jauernig befand sich während des Zweiten Weltkriegs ein deutsches Zwangsarbeitslager. Zeitzeugen berichten noch heute von den schlimmen Zuständen und der heftigen Diskriminierung der Fremden hier zu jener Zeit.

Die Historiker David Kovařík und Sandra Kreisslová gaben dann einen Überblick über die verschiedenen Gründe und Arten des Verschwindens von Dörfern. Denn nicht nur die Vertreibung, sondern auch die spätere Grenzziehung haben dazu beigetragen, dass der Tschechoslowakische Staat sich dazu entschloss, die Gebäude zu unterschiedlichen Zeitpunkten und auf die verschiedensten Arten und Weisen zu beseitigen.

In Gurschdorf (Nýznerov) erkunden die Spurensucher nicht nur den malerischen Wasserfall, sondern auch die deutschsprachige Gedenktafel zu den im Zweiten Weltkrieg Gefallenen an der Kirche. Dann kam unerwarteter Besuch: Wilma, eine Deutsche, die im Haus gegenüber wohnt, ist bereits 90 Jahre alt und noch sehr aktiv. Sie erzählt  von ihrer Familiengeschichte, wie sie aus Gurschdorf vertrieben, dann aber noch vor dem Abtransport aus dem Sammellager auf Geheiß des örtlichen Försters wieder zurückgeholt wurden, weil jener Arbeiter brauchte, die sich in der Gegend auskannten. Wilma kommt aus einer sehr armen Familie und sie berichtete, wie sie und ihre Geschwister als Kinder noch vor der Schule zu anderen Bauern gingen, um sich etwas dazuzuverdienen. Nach dem Krieg hatte es die Familie als Deutsche nicht leicht, eine ihrer Schwestern wurde, weil sie als Sekretärin in einer Munitionsfabrik gearbeitet hatte, nach Sibirien geschickt und kam erst nach neun Jahren zurück. Da hatten sie alle bereits für tot gehalten. Wilma sprach – mal auf Tschechisch, mal auf Deutsch – von ihrer Arbeit im Wald, vom Leben im Dorf und von ihren Geschwistern und Eltern.

Als hätten sie einen Schatz entdeckt, ließen die Spurensucher die Geschichten auf sich wirken. Am Ende der Woche wird aus dem Fremdsein eine Posterwand über das Gegenteil von „fremd“. Denn am meisten Eindruck hinterließen die Treffen. Langsam wurden aus fremden Personen und Biografien vertraute Menschen mit Schicksalen.

Mehr spannende Geschichten aus der Vergangenheit verschiedener Dörfer finden Sie auch in der Kolumne "Im wilden Sudetistan"!