Zum Abschluss seines dreitägigen Aufenthalts in Deutschland ist Tschechiens Präsident Miloš Zeman am Freitag von seinem Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel empfangen worden. Es sollten keine leichten Gespräche werden, obwohl die deutsch-tschechischen Beziehungen hervorragend sind. Aber es gibt Ausnahmen.

Jiří Ovčáček, Zemans gegenüber Medienvertretern gern bissiger Pressesprecher, wollte das angefragte Interview mit dem Prager Burgherren vor dessen Berlin-Besuch eigentlich selbst absagen. Das tat dann für ihn Zemans außenpolitischer Chefberater Rudolf Jindrák, der viele Jahre als tschechischer Botschafter in Berlin die Stellung gehalten hat. „Es wäre zeitlich zu eng geworden", entschuldigte der sich ein bisschen kleinlaut. 

„Zeitlich eng" ist bei einer Anfrage von Mitte-Ende August auch keine wirklich gute Ausrede. Aus anderer Quelle war denn auch noch ein gewichtigerer Grund zu hören: „Der Präsident äußert sich gern unverblümt. Und da gab es wohl die Sorge, er könnte die deutschen Gastgeber provozieren und müsste sich dann erst einmal bei Steinmeier und Merkel entschuldigen."

In dieses Bild passt, dass es laut Protokoll weder nach dem Gespräch mit Steinmeier, noch nach dem mit der Kanzlerin gemeinsame Pressekonferenzen geben sollte. Zeman sollte nach beiden Unterredungen in der tschechischen Botschaft die Journalisten allein unterrichten. Das alles erinnert ein bisschen an den Abschiedsbesuch von Zemans in Berlin wenig beliebtem Vorgänger Václav Klaus bei Merkel. Der war damals nach einer Viertelstunde sang- und klanglos beendet.

Streitpunkt eins

Verwundern kann das jedoch nicht. So bemerkenswert, wie die Beziehungen der beiden Nachbarländer in nahezu allen Bereichen florieren, so wenig haben vor allem die Tschechen die Chance genutzt, in Merkel ein Gegenüber in Deutschland zu haben, das sie immer ein bisschen gehätschelt hat, anders als beispielsweise Polen oder Ungarn. Das hängt mit ihrer Vergangenheit zu DDR-Zeiten als Praktikantin an der Akademie der Wissenschaften in Prag zusammen. Bis heute unterhält sie dahin enge Beziehungen und spricht auch noch ein bisschen Tschechisch. Wer zudem etwa die Pressekonferenz beim kürzlichen Berlin-Besuch von Premier Andrej Babiš verfolgen konnte, wird sich an kein einziges böses Wort Merkels an Babiš erinnern. Auch nicht in der einzigen Frage, die das politische Deutschland vom politischen Tschechien seit 2015 richtig entzweit: der Flüchtlingsfrage.  

„Die tschechischen Politiker waren immer ein bisschen zurückhaltend gegenüber der Kanzlerin und ihren Vorgängern", bedauerte der Berliner Ostmitteleuropa-Experte Kai-Olaf Lang im privaten Prager TV-Kanal Seznam unmittelbar vor dem Zeman-Besuch an der Spree. „Berlin sucht überall in der EU nach festen Partnern. Tschechien wäre da ganz ideal. Denn es zeigt - wie die Slowakei - ein etwas freundlicheres Gesicht im Rahmen der Visegrád-Staaten." 

Aber speziell die beiden letzten Präsidenten, Klaus und Zeman, haben die Deutschen nicht eben ins Herz geschlossen. Ersterer machte in deutschen Kleinstädten Wahlkampf für die AfD. Und Zeman rieb sich jüngst verbal die Hände über die von Rechten angezettelten Auseinandersetzungen in Chemnitz: Die Demonstranten dort hätten im Grunde gesagt: „Mutti Merkel hat die Migranten eingeladen - und hier habt ihr das Ergebnis."

Dieser Satz war natürlich in erster Linie für die Tschechen selbst bestimmt, denen im Angesicht der TV-Bilder aus Deutschland permanent die Knie schlottern. Derzeit streitet man sich im Nachbarland über den Vorschlag einer christdemokratischen Europaabgeordneten, 50 Kriegswaisenkinder aus Syrien in Tschechien aufzunehmen. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle tschechischen Parteien strikt dagegen. Die zum großen Mischkonzern von Premier Babiš gehörende Zeitung „Lidové noviny" schrieb: „Nur schwer kann man sich die Integration von 17-Jährigen vorstellen, die hier zwar ein Dach über dem Kopf hätten, denen aber alles andere völlig fremd wäre, die Kultur, die Sprache und die Werte. Dass sie unsere Normen annehmen, erscheint sehr unwahrscheinlich. Wenn es gut ausgeht, reisen sie weiter nach Deutschland. Im schlimmeren Fall werden sie hier ganz normale Konflikte gewaltsam lösen." 

Ein Kommentar, dem Präsident Zeman ausnahmsweise voll zustimmen würde, auch wenn er ansonsten die Journalisten seines Landes immer wieder als „total unfähig" kritisiert. Der Kommentar liegt genau auf der Linie dessen, was Zeman der Kanzlerin bei ihrem letzten Besuch in Prag ins Stammbuch geschrieben hatte: „Nur weil Deutschland die illegalen Migranten eingeladen hat, kann es die Verantwortung dafür nicht einfach in Form von Flüchtlingsquoten auf andere Länder abwälzen, die sie nicht eingeladen haben."

An dieser Einstellung Zemans hat sich bis heute nichts geändert. Er hat sie seinen Landeskindern so lange eingeredet, bis sie sie verinnerlicht hatten. Und die sind nun in übergroßer Mehrheit von der Richtigkeit dieser Worte überzeugt, was Zeman, Babiš und Co. ihrerseits wieder als Unterpfand für ihre harte Linie betrachten. 

Streitpunkt zwei

Womöglich droht bei Zemans Gesprächen mit Merkel aber auch noch ein anderer Konflikt: Die Rede der Kanzlerin zum Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung in Berlin war in Prag auf scharfe Kritik gestoßen. Zeman äußerte dazu seine „tiefste Missbilligung". Für besondere Empörung im Nachbarland sorgte die Aussage Merkels, dass es für Vertreibung „weder eine moralische noch eine politische Rechtfertigung" gegeben habe. 

Freilich hatte die Kanzlerin unmittelbar zuvor betont, Vertreibung und Flucht der Deutschen seien eine unmittelbare Folge des von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs und der unsäglichen Verbrechen der NS-Diktatur gewesen. Was in Prag ebenso übersehen wurde wie die Tatsache, dass Merkel die Vertreibung von drei Millionen Deutschen aus der Tschechoslowakei explizit mit nicht einem einzigen Wort erwähnt hatte. Auch nicht die Beneš-Dekrete, auf deren Grundlage die kollektive Enteignung und Vertreibung der 800 Jahre in Böhmen, Mähren und Schlesien lebenden Deutschen erfolgt war. Trotzdem „tiefste Missbilligung". 

Zeman besuchte denn auch demonstrativ am Donnerstag das Potsdamer Schloss Cecilienhof, wo die Alliierten 1945 die geordnete Aussiedlung der Deutschen guthießen. In Prag versteckt man sich bis heute hinter Potsdam, um nicht zugeben zu müssen, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen vor allem auf den eigenen Exil-Präsidenten Beneš zurück ging.