Was passiert, wenn sich Menschen absolut gegensätzlicher politischer Ansichten einfach mal unterhalten? Unser Autor hat bei „Deutschland spricht“ mitgemacht und für sich viel davon mitgenommen.

 

Im kleinen Gasthaus am Waldrand, der „Bornwaldschänke“, sitzen nur wenige Gäste. Seit 50 Jahren ist an diesem Ort, am Rande Sachsens, die Zeit stehengeblieben. Nach der Wende fehlten dem Besitzer das Geld und der Geschmack, sie zu modernisieren. Ich sitze zwischen ausgestopften Tieren und alten Bildern an den Wänden und warte. Ich treffe mich hier mit einem Fremden. Bald kommt Nick.

Nick ist ein 19 Jahre alter Auszubildender bei einem regionalen Nahverkehrsbetrieb. Dünner, sportlicher Körper, die Haare gescheitelt, in beiden Ohren zentimetergroße Ohrringe und in der Nase einen kleinen Metallring. Ich weiß aus dem Internet über ihn, dass er Vorsitzender des Kreisverbandes der Jungen Alternative Erzgebirge (JA) war, der Jugendorganisation der Alternative für Deutschland (AfD). Die JA wird vom deutschen Verfassungsschutz wegen ihrer Verbindungen zur rechtsextremen Szene in fünf Bundesländern beobachtet. Nick stammt aus einem kleinen Dorf an der tschechischen Grenze. Auf seinem Facebookprofil findet man Zitate von Donald Trump oder Bilder mit Sprüchen wie „Die Burka gehört nicht nach Deutschland“. Im Netz sehe ich ihn als mein negatives Vorurteil von einem rechten Jungfunktionär aus der Provinz.

redenlogoNick wurde mir in meinem Umkreis, ähnlich wie bei der Dating-App Tinder, zu einem ganz speziellen Date vorgeschlagen. Wie etwa 25 000 andere Deutsche haben wir uns bei „Deutschland spricht“ beworben. Auf Initiative der Wochenzeitung „Die ZEIT“ haben wir online sieben Fragen beantwortet. Können Muslime und Nicht-Muslime in Deutschland gut zusammenleben? Sollte Deutschland seine Grenzen strikter kontrollieren? Sollte Fleisch stärker besteuert werden, um den Konsum zu reduzieren? Ja oder nein? Ein Algorithmus bringt dann Personen zusammen, die ganz gegenteilig auf diese Fragen geantwortet haben: Migrationsbefürworter mit -skeptikern, Vegetarier mit Fleischessern, Auto- mit Radfahrern.

Viele Deutsche sehen derzeitig den sozialen Zusammenhalt des Landes als gefährdet. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt, das Land sei gespalten. Aus den Medien dröhnt Hass und Ablehnung von allen Seiten. Hier Hass gegen Flüchtlinge, da Hass gegen angeblich demokratieunfähige Ostdeutsche. Auch ich habe schon lange das Gefühl, dass ich alte Freunde, Nachbarn, sogar die eigene Familie oft nicht mehr verstehe. Seit etwa drei Jahren äußern sich die Leute in meiner Heimat immer rassistischer. Als letztens mein zweijähriger Sohn Jonáš im Garten mit Zapfen warf, hielt unser Nachbar Hansi am Zaun und sagte ihm, er soll doch besser Steine nehmen und üben, auf Schwarze zu schießen.

Wie wohl viele im ländlichen Raum Ostdeutschlands bin ich mit Neonazis und Sprüchen wie diesen aufgewachsen – sie schockieren mich nicht. Früher hat man sie aber erst nach zehn Bier und einigen Schnäpsen gehört und sie kamen nicht aus der Mitte der Gesellschaft. Seit jedoch mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen und sich auch der Sprachduktus vieler deutscher Politiker verroht hat, glaubt so mancher, das sei jetzt gesellschaftlich akzeptiert.

Kann mal also noch mit diesen Menschen reden oder sollte man klare Haltung zeigen? Den Satz „Mit denen zu reden, bringt nichts“ hört man von links und von rechts. Aber mit wem sollen wir reden, wenn wir diese Spaltung im Land wirklich auflösen wollen? Mit unseren Freunden? Aus Angst oder Überheblichkeit jeden Kontakt mit Andersdenkenden zu meiden und dies noch als politisches Signal umzudeuten, finde ich falsch.

Nach dem Gespräch mit Nick bin ich ja nicht weniger demokratisch oder weniger antirassistisch. Aber ich weiß jetzt mehr über ihn. Mit Nick kann man erstaunlicherweise gut reden. Er ist mir sogar sympathisch und erinnert mich mit seinem jugendlichen Idealismus an mich selbst in diesem Alter. Der Unterschied ist nur, dass ich in einem linken Freundeskreis aufgewachsen bin. Nick bezeichnet sich selbst als politisch rechts der Mitte. Trotzdem trat er vor einem Jahr wieder aus der AfD aus, weil der nationalkonservative Flügel der AfD 2017 die Macht in der Partei gewann und er den meisten Parteifunktionären die nötige Fachkompetenz abstreitet. Warum man aus Unzufriedenheit über die politische Situation in Deutschland eine rechte Partei unterstützt, kann ich trotzdem nicht verstehen.

Das Ergebnis des Experiments ist erstaunlich. Wir sprechen über den demographischen Wandel im Erzgebirge, Massentierhaltung, Trumps Außenpolitik, eine Quote für Frauen in Führungspositionen und natürlich über Einwanderung. Unsere Ansichten liegen mal mehr, mal weniger weit auseinander. Manchmal überschneiden sie sich sogar. Je differenzierter man einzelne Fragen betrachtete, desto mehr Gemeinsamkeiten wurden deutlich. Dann passiert sogar etwas Überraschendes. Nick erzählt, 2016 sei ein junger Syrer in sein Dorf gezogen. Er fand ihn bei Facebook und lud ihn zum Fußball ein. Er will, dass sich die Leute integrieren. Ich habe zwar einen internationalen Freundeskreis, aber außer politische Statements bei Facebook zu posten, engagiere ich mich nicht. Moralische Überheblichkeiten sollte ich mir in Zukunft also sparen.

Ob ich jetzt glaube, dass man die tiefen Gräben, die durch die deutsche Gesellschaft gehen, noch schließen kann? Ich weiß es nicht. In der Bornwaldschänke legt der Wirt seit neustem die radikal rechte „Preußische Allgemeine Zeitung“ für seine Gäste aus. Zumindest ist mir durch das Projekt aber klar geworden, dass auf der anderen Seite des Grabens keine homogene Masse steht, sondern ein bunter Haufen, mit denen ich sogar das eine oder andere gemeinsam habe.


Das könnte Sie auch interessieren:

„Das ist keine Momentaufnahme, sondern ein langwieriger Prozess“

Den ersten Kontakt zu Rechtsradikalen hatte Christian Ernst Weißgerber mit 15 Jahren bei einer Demonstration gegen Einschnitte im deutschen Sozialsystem im thüringischen Eisenach. Damals gefielen ihm das betont maskuline Auftreten und die Selbstdarstellung als Verteidiger angenommener gemeinsamer Werte.