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Unterwegs in Schlesien - Havířov

Foto: Havířover Begegnungszentrum - Bild: LE/tra

Etwas über dreieinhalb Stunden dauert die über 350 Kilometer lange Fahrt von Prag nach Havířov per Zug-Direktverbindung. Aus dem 130 Kilometer entfernten Oppeln (Opole) dauert es genauso lang und man muss mindestens zweimal umsteigen. Die rund 73 000-Einwohner-Stadt liegt etwa sechzig Kilometer nördlich von Troppau (Opava).

Die Bahn rollt in den Bahnhof ein, der vor einiger Zeit für Aufsehen sorgte: Die tschechische Eisenbahn (Českédráhy / ČD) hatte in Absprache mit der Stadt den Abriss beschlossen, weil die Kosten für eine Renovierung (300 Millionen Kronen) zu hoch waren. Dagegen aber regte sich Widerstand von Architekten, sie setzten sie sich mit Demonstrationen für die Erhaltung des Gebäudes als Architekturdenkmal ein. Trotzdem: Seit 1969 hat sich bis auf den Austausch des Logos der tschechischen Eisenbahn am Gebäude nicht viel getan und eine Renovierung wäre dringend notwendig. Optisch ist der Bahnhof aber allemal ein echter Hingucker. Er wurde zwischen 1964 und 1969 von dem Architekten Josef Hrejsemnou im sogenannten Brüsseler Stil erbaut und wird von einer großen Glasfläche an der Stirnseite dominiert.

Etwas über viereinhalb Stunden dauert die Fahrt von Oppeln (Opole) in Oberschlesien nach Havířov in Mährisch-Schlesien mit dem Zug. Die rund 73 000-Einwohner-Stadt Havířov liegt etwa sechzig Kilometer nördlich von Troppau (Opava). Die Bahn rollt in den Bahnhof ein, der vor einiger Zeit für Aufsehen sorgte: Die tschechische Eisenbahn (Českédráhy / ČD) hatte in Absprache mit der Stadt den Abriss beschlossen, weil die Kosten für eine Renovierung (300 Millionen Kronen) zu hoch waren. Dagegen aber regte sich Widerstand von Architekten, sie setzten sie sich mit Demonstrationen für die Erhaltung des Gebäudes als Architekturdenkmal ein. Trotzdem: Seit 1969 hat sich bis auf den Austausch des Logos der tschechischen Eisenbahn am Gebäude nicht viel getan und eine Renovierung wäre dringend notwendig. Optisch ist der Bahnhof aber allemal ein echter Hingucker. Er wurde zwischen 1964 und 1969 von dem Architekten Josef Hrejsemnou im sogenannten Brüsseler Stil erbaut und wird von einer großen Glasfläche an der Stirnseite dominiert.

In der Bahnhofshalle wartet schon Hans Mattis, graues Haar, gutmütiger Blick. Der Vorsitzende des Vereins der Deutschen des Teschener Schlesiens will sein Begegnungszentrum vorstellen, seinen ganzen Stolz. Er holt schnell sein Auto, das um die Ecke parkt und dann geht es los.Der CD-Spieler spielt deutschen Schlager, während Mattis die Geschichte der Stadt erzählt. „Einen deutschen Namen hat Havířovnicht“, sagt er gleich zu Beginn. Denn Havířovsei erst in den 1950ern an stalinistische Architektur angelehnt erbaut worden. Das könne man noch heute an der schnurgeraden Hauptstraße und den sie säumenden Gebäuden erkennen. Weil Havířov aber Wohn- und Ausbildungsstadt für Bergleute war (havíř = Bergmann), gibt Mattis ihr scherzhaft den Namen "Bergmannstadt".

Das Begegnungszentrum

Im Begegnungszentrumist das Getümmel an diesem Tag groß. Der Chor versammelt sich gerade. Mattis geht in das Büro nebenan voran. Es beherbergt eine kleine Bibliothek mit deutschsprachiger Literatur. „Meistens sind es Studenten, die sich Bücher ausleihen – wenn überhaupt“, sagt er. „Von unseren Mitgliedern eigentlich keiner, es sprechen auch nur wenige gut deutsch“, schiebt er nach. Die innere Vertreibung nach 1945 sollte dafür sorgen, dass keine deutschen Siedlungszentren mehr entstehen können, und so wurde Deutsch von dem Tschechischen immer mehr verdrängt. Selbst im Verein sprechen viele untereinander tschechisch. Als der Verein vor 25 Jahren gegründet wurde, sei das noch anders gewesen, sagt Mattis, der von Beginn an dabei ist.

Die ersten Organisationen der deutschen Minderheit wurden allerdings schon viel eher zugelassen, und zwar im Zuge der Liberalisierung der Gesellschaft im Prager Frühling. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durfte der Kulturverband aber nur mit Ortsgruppen in Westböhmen an der Grenze zur DDR weitermachen, wo man ihn besser kontrollieren konnte. Im Rest des Landes konnte sich die deutsche Minderheit erst nach der Wende re-organisieren.

Am Schreibtisch sitzt Ehefrau Wilma Mattis, haselnussbrauner Kurzhaarschnitt, ein Lächeln. Freude über den Besuch und ein wenig Aufregung. So oft spreche sie nicht Deutsch, erklärt sie. Doch man merkt es ihr nicht an. In der Vereinsarbeit unterstützt Wilma Mattis ihren Mann bei der Projektplanung und Abrechnung. Und sie passt auf, dass er sich nicht zu viel zumutet. Ein Hip-Hop-Konzert für Jugendliche mit 800 Besuchern wie zum Tag der deutschen Einheit vor zwei Jahren darf er nicht mehr allein auf die Beine stellen. „Er ist ja immerhin schon 77“, sagt Wilma Mattis und blickt mahnend über den Tisch zu ihrem Mann. Er lehnt in seinem Bürostuhl und lächelt. Bis heute ist er auf das Großprojekt besonders stolz. „Das war nur dank der Unterstützung des damaligen Bürgermeisters und der guten Zusammenarbeit mit den PASCH-Schulen möglich“, sagt Hans Mattis und freut sich, dass er weitaus mehr Besucher angezogen hat als das Goethe-Institut mit dem gleichen Konzert in Prag. Da kamen nämlich „nur“ 500.

Unterstützung gesucht

Für Projekte dieser Größenordnung sucht Hans Mattis jetzt Unterstützung. Und eigentlich möchte er den Chefsessel ganz und gar jemand anderem überlassen, der jung ist und mit dem Herzen dabei. „Aber uns fehlt der Nachwuchs“, bedauert Mattis. Und wenn sich nicht bald jemand fände, würde er den Laden wohl schließen müssen. „Aber das wäre sehr schlimm für mich“, sagt er. Aus dem Nebenzimmer dringt „Am Brunnen vor dem Tore“. Wo sollte außerdem der Chor hin, wenn das Begegnungszentrum schließt?

Zur Zeit lässt es der Verein mit Muttertags- und Weihnachtsfeiern ruhiger angehen, setzt aber weiterhin auf grenzüberschreitenden Austausch und pflegt gute Kontakte zu den Deutschen Freundschaftskreisen (DFK) in Bielitz (Bielsko-Biała), Ustron(Ustroń) und Teschen (Cieszyn) im jetzt polnischen Teil Schlesiens. „Wir fühlen uns auch über die Grenzen hinweg als deutsche Minderheit miteinander verbunden“, bekräftigt Wilma Mattis. Mit den Nachbarn in der Grenzregion teilen sie auch ihre Sorge um die Zukunft der Vereine. Die „Bergmannstädter“ wollen jetzt verstärkt Deutschunterricht anbieten, denn viele junge Tschechen sehen in der deutschen Sprache eine Chance. Auch für die Vereine in Tschechien könnte es eine sein. „Und wenn ich dazu beitragen kann, die deutsche Sprache in Tschechien wieder zu verwurzeln“, sagt Mattis abschließend, „dann bin ich glücklich.“

Dieser Artikel erschien im LandesEcho 10/2017 und im Wochenblatt.pl

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